Ätherrauschen

Kommentare zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

24. Apr 2018

Nach dem Eklat bei der Echo-Verleihung, in dessen Folge mehrere Preisträger ihre Preise zurückgaben und das Label der Musiker die Zusammenarbeit beendete, kehrt nun langsam wieder Ruhe ein. Zeit, mal darüber nach zu denken, warum es überhaupt dazu kommen konnte, und wie wie verlogen die ganze Debatte eigentlich ist.

Fakt ist, Provokation war schon immer ein Stilmittel der Musik, besonders in einem Genre wie dem Rap. Dass dabei auch Schmerzgrenzen klar überschritten werden, hat Tradition und ist schlicht Teil der Kunst(-freiheit). Es ist aber auch richtig, dass hinterfragt werden muss, was eigentlich die Grundmotivation der Musiker ist, und ob vielleicht ein tieferes Problem (also hier: Antisemitismus, der nicht nur in Deutschland keinen Platz haben sollte) dahinter steckt. So weit, so gut.

Die eigentliche Frage aber ist: warum kocht das Ganze bei der Verleihung eines Preises hoch, der eigentlich nicht die Qualität der Musik, sondern nur die Menge der verkauften Titel belohnt? Wieso fühlt man sich ausgerechnet erst bei einer solchen Kommerz-Veranstaltung plötzlich unwohl damit, dass offenbar mit Texten, die Hass und Verachtung transportieren, eine Menge Geld gemacht wird?

Aus meiner Sicht sind den Musikern selbst hier noch am wenigsten Vorwürfe zu machen, die machen halt ihr Ding und fertig. Schwerer wiegt, dass das offenbar jahrelang von Musikkonzernen gefördert und problemlos Geld damit verdient wurde, und dass die Echo-Jury sich offenbar auch nicht an den Texten gestört hat. Oder hat sich etwa niemand bei den Labels und der Jury angehört, was von ihnen verkauft und auf den Schild gehoben wurde? Wer bitte soll denn glauben, dass das alles völlig überraschend kam?

Macht Geld etwa nicht nur (un-)glücklich, sondern auch noch taub und blöd?

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11. Apr 2018

Der NSU-Prozess läuft ... und läuft ... und läuft .. und läuft ewig weiter, auch weil die Verteidiger immer groteskere Mittel zur Verzögerung auffahren. So sehr ich das Recht der Angeklagten auf einen fairen Prozess und eine gute Verteidigung unterstütze, sollte es hier doch ein paar Grenzen geben.

Und was mich auch immer wieder schockiert, ist, wie sehr Behörden und Untersuchungsausschüsse versagt haben, immernoch versagen und weiterhin dafür sorgen, dass Fehler nicht korrigiert und Schuldige nicht zur Verantwortung gezogen werden. Man könnte meinen, dass der komplette Sicherheitsapparat, der ja immer weitere Befugnisse und Eingriffe in die Bürgerrechte fordert (und erst küzlich z.B. mit dem neuen Polizeigesetz in Bayern auch erhalten hat), nicht einmal die absoluten Grundlagen seines Handwerks beherrscht und erst recht nicht seinen Auftrag, nämlich den Staat, seine Bürger und vor allem deren Rechte zu schützen, versteht.

Apropos und völlig neben der Spur: hat man Zschäpes Pflichtverteidiger (Stahl, Sturm, Heer) eigentlich nach zum Thema passenden Namen ausgesucht?

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03. Apr 2018

Die Bundesregierung hat 2016 mal eine Studie bei der Uni Osnabrück in Auftrag gegeben, die herausfinden sollte, inwiefern die Beschlüsse und Gesetze den Willen des Bevölkerung tatsächlich repräsentieren. Die Ergebnisse sollten in den Armuts- und Reichtumsbericht 2017 der Bundesregierung einfließen, der ja dann bekanntermaßen für seine extremen Auslassungen und Beschönigungen von allen Seiten kritisiert wurde.

Tja, wie sich herausgestellt hat, handelt die Bundesregierung quasi invers proportional zum Willen der ärmeren (und prozentual größeren) Bevölkerungsschichten. Oder anders gesagt: Entscheidungen werden fast ausschließlich zu Gunsten der (wenigen) Reichen getroffen. Je ärmer die Bevölkerungsgruppe, desto weniger wird sie berücksichtigt. Die Ergebnisse waren natürlich nicht ganz im Sinne der Regierung, und wurden daher im Armutsbericht kaum erwähnt, geschweige denn erklärt.

Ein Zitat aus der Ergebnisdiskussion der Studie (Hervorhebungen von mir):

"Darüber hinaus konnten wir erstmals für Deutschland nachweisen, dass politische Entscheidungen mit höherer Wahrscheinlichkeit mit den Einstellungen höherer Einkommensgruppen übereinstimmen, wohingegen für einkommensarme Gruppen entweder keine systematische Übereinstimmung festzustellen ist oder sogar ein negativer Zusammenhang. Was Bürger_innen mit geringem Einkommen in besonders großer Zahl wollen, hatte in den Jahren von 1998 bis 2013 eine besonders niedrige Wahrscheinlichkeit, umgesetzt zu werden. In Deutschland beteiligen sich Bürger_innen mit unterschiedlichem Einkommen nicht nur in sehr unterschiedlichem Maß an der Politik, sondern es besteht auch eine klare Schieflage in den politischen Entscheidungen zulasten der Armen."

Der Bericht zum Herunterladen: "Systematisch verzerrte Entscheidungen? Die Responsivität der deutschen Politik von 1998 bis 2015." von Lea Elsässer, Svenja Hense, Armin Schäfer.

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