Ätherrauschen

Kommentare zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

31. Jul 2018

Telegram ist eine gern genutzte Alternative zu WhatsApp. Leider ist Telegram nicht sehr sicher, weil die Chats nicht standardmäßig verschlüsselt sind, was besonders in repressiven Regimes (wie zum Beispiel im Iran, wo Telegram sehr beliebt ist) ein Problem werden kann.

Gestern hat ein iranischer Provider durch eine Manipulation dafür gesorgt, dass minutenlang sämtlicher Verkehr zu einer Reihe von IP-Adressen über iranische Server lief. Einige der Adressen gehören zu Telegram-Servern. Das bedeutet, dass sämtliche Nachrichten, die in diesem Zeitraum mit Telegram verschickt wurde, im Iran gelandet sind. Da die meisten Telegram-Chats unverschlüsselt sind, besitzen die Iraner nun potenziell Millionen Nachrichten im Klartext. Jeder kann sich ausmalen, was die damit anstellen.

Wer seine Daten nicht WhatsApp und damit Facebook in den Rachen werfen will, die bekanntlich ziemlich zwielichtige Sachen damit treiben, sollte auf Signal oder Wire umsteigen, die nachgewiesenermaßen exzellente Verschlüsselung bieten, die Privatsphäre ihrer Nutzer in besonderem Maße als schützenswert betrachten und noch dazu freie Open Source-Software sind.

Nachtrag vom 02.08.2018: Ein weiteres Problem: Offenbar nutzt die Telegram Passport genannte Funktion, mit der Ausweisdaten verschlüsselt in der in der Cloud gespeichert werden sollen, veraltete, unsichere Hash-Algorithmen für die zur Ver- und Entschlüsselung genutzten Passwörter. Noch dazu scheint die ganze Implementation so schlecht zu sein, so dass die Passwörter dadurch noch leichter geknackt werden können. Ein Super-GAU und noch ein Grund mehr, Telegram nicht zu nutzen.

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16. Jul 2018

Douglas Rushkoff, viel zitierter Medientheoretiker, Dozent, Autor etc. mit engen Verbindungen zur Open Source- und Cyberpunk-Community, wurde letzes Jahr für ein außerordentlich großzügiges Honorar in ein Resort für Superreiche eingeladen, um dort vor Investmentbankern einen Vortrag über die Zukunft der Technologie zu halten.

Nahm er jedenfalls an.

Im Resort angekommen, führte man ihn in einen Raum, in dem er dann fünf superreiche weiße Männer traf, die ihn eine Stunde lang zu diversen technologischen Themen befragten: Welche Kryptowährung hat die besten Chancen? Werden Quantenrechner jemals eine weitere Verbreitung erfahren? Langsam gingen die Fragen dann aber in eine andere Richtung: Welche Region wird am wenigsten vom Klimawandel betroffen sein? Wird man wirklich seinen Geist in einem Computer hochladen können? Wie kann man nach einem gesellschaftlichen Kollaps seine Sicherheitskräfte motivieren, einen vor dem Pöbel zu schützen, wenn Geld wertlos ist? Hilft es, den Zugang zu Nahrungsmitteln zu kontrollieren, und sind Disziplinierungshalsbänder eine Möglichkeit?

Diese Männer stellten also sehr konkrete Fragen danach, wie sie langfristig überleben können. Ihm ging dann rasch auf, dass sie fest davon überzeugt sind, dass die Gesellschaft eher in naher als in ferner Zukunft kollabieren wird, sei es durch ein globales Virus, einen Nuklearkrieg, den Klimawandel, einen globalen Infrastrukturkollaps durch Hacks oder eine ähnliche globale Katastrophe. Sie suchen einen Weg, dem irgendwie zu entkommen.

Das stellt das Interesse Superreicher wie Elon Musk (Tesla und Space-X) oder Jeff Bezos (Amazon- und Blue Origin-Chef und derzeit reichster Mensch der Welt) für Raumfahrttechnologie, künstliche Intelligenz und vor allem Informationstechnik in ein etwas anderes Licht. Es geht nicht (nur) darum, mit Raumfahrt Geld zu verdienen und das All als Ressource zu erschließen, sondern von der Erde fliehen zu können. Alternativ soll der Geist in einer Form überleben, die der Unsterblichkeit nahe kommt, beispielsweise indem er in ein sicheres Netzwerk hochgeladen wird. Für sie ist Technologie also kein Mittel zur Verbesserung der Welt, sondern ausschließlich für das eigene Überleben.

Ich halte diese ganze Prepper-Bewegung und ihren Glauben an die Apokalypse ja eigentlich für Schwachsinn. Aber dass sie offenbar so erfolgreich ist und nun auch auf die Superreichen mit all deren Möglichkeiten übergreift, ist doch irgendwie bedenklich und vermutlich ein Symptom für den Zustand der westlichen Gesellschaften.

Und mir stellt sich folgende Frage: Diese Leute mit Geld und Einfluss sind vom nahen Kollaps überzeugt und wollen unbedingt überleben. Wie beeinflusst das ihre Entscheidungen darüber, in welche Technologien sie investieren und wie sie ihr Geld nutzen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu lenken?

Besteht die Möglichkeit, dass sie bewusst oder unbewusst durch ihre Entscheidungen den Kollaps als sich selbst erfüllende Prophezeiung erst ermöglichen und herbeiführen?

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12. Jul 2018

Ich habe mir noch ein paar Gedanken zu dem hier und hier angesprochenen Social-Credit-System in China gemacht.

Wie bereits erwähnt, kommt ein Großteil der dabei genutzten Daten von Konzernen wie Tencent und Alibaba. Beide bieten digitale Ökosysteme an, bei denen die Nutzer von der Kommunikation, über Online- und Offline-Handel (beide betreiben eigene Läden und Supermärkte) bis zur Bestellung und Bezahlung von Waren und Dienstleistungen anderer Anbieter über die konzerneigenen Zahlungsdienste, ihre Daten komplett und größtenteils freiwillig den Konzernen zur Verfügung stellen. Die Erfolgsfaktoren sind hier unter Anderem die einfache Verfügbarkeit und Bezahlung von Dienstleistungen direkt über die Messenger (Beispiel: WeChat von Tencent) als mobile Zahlmethode, sowie die Aussicht auf erweiterten Zugang zu exklusiven Diensten, wenn man beispielsweise bei der Bonitätsprüfung mehr Daten von sich preis gibt.

Die gesammelten Daten werden dann von der Regierung mit Daten von Kameras, biometrischen Systemen, Gesichtserkennung etc. zusammen gebracht und erlauben dadurch quasi eine Totalüberwachung.

Wer nun glaubt, dass das nur bei den chinesischen Konzernen so ist, soll sich mal Apple, Google oder Facebook anschauen: alle bieten ähnliche Ökosysteme an, bei denen von der Hardware, über die Kommunikationsmittel, Services wie Suche oder digitale Assistenten, Zahlungsdienste etc. alles aus einer Hand kommt. Die Chinesen haben hier lediglich die noch stärkere Integration auf Kosten des Datenschutzes voraus. Würden die Konzerne freiwillig oder gezwungenermaßen alle ihre Daten zusammenführen und einer Regierung zur Verfügung stellen, wäre eine ähnliche Totalüberwachung problemlos möglich. Und Tendenzen in diese Richtung gibt es mittlerweile im Namen der Sicherheit auch in allen vermeintlich demokratischen Staaten.

Dazu kommt, dass die Nutzer gern Datenschutz gegen Bequemlichkeit tauschen: manchmal aus Unwissen, oft aber auch in vollem Bewußtsein. Das lässt sich meiner Meinung nach auch nicht mit Aufklärung verhindern, weil es die meisten Menschen schlicht nicht interessiert. Sie wollen es einfach nur so bequem wie möglich haben, was ich nachvollziehen kann.

Wie lässt sich also ein Szenario wie in China verhindern?

Einerseits durch politische Arbeit gegen undemokratische Gesetze wie die kürzlich im EU-Parlament abgelehnte Urheberrechtsreform oder die Vorratsdatenspeicherung.

Andererseits muss man Alternativen schaffen, die mit dem Angebot der großen Konzerne konkurrieren können, dabei aber auf Offenheit und Transparenz setzen und die Daten ihrer Nutzer schützen.

Dies kann geschehen, indem Dienste dezentral konzipiert, Interoperabilität, Verschlüsselung und Datensparsamkeit gefördert und dabei die maximale Benutzerfreundlichkeit und Bequemlichkeit als oberste Ziele verfolgt werden. In der Open-Source-Community gibt es weit mehr fähige Entwickler als in den großen Konzernen, jedoch fehlt oft der Wille, sich auch auf andere Sichtweisen einzulassen, Kompromisse zu schließen und persönliche Befindlichkeiten dem Gesamtziel unterzuordnen. Zudem grassiert in vielen Projekten die Featuritis: lieber mehr Features einbauen, als die vorhandenen zu perfektionieren und konsequent auf die Bedürfnisse des durchschnittlichen Nutzers auszurichten.

Es gibt viele Initiativen, Projekte und Communities, die durchaus gute Ansätze zeigen, aber leider mehr für sich arbeiten. Es gibt sichere Messenger wie Signal, Wire oder Threema, die aber leider nicht interoperabel sind. Es gibt Kryptowährungen, die anonyme Zahlungen erlauben. Es gibt genügend kleine Unternehmen, deren Dienstleistungen man beispielsweise über WhatsApp (aber leider nicht über Signal oder Wire oder Threema) anfragen und oft auch buchen kann, Online-Shops, die nicht zu Amazon gehören, Kartendienste, die nicht die Bewegungsdaten ihrer Nutzer sammeln, Office- und Cloud-Lösungen, die man auf einem eigenen Server betreiben kann, um die Herrschaft über seine Daten zu behalten.

Nur fehlt eben das große Ganze, das alles zusammenbringt und dabei den Komfort und die Flexibilität der Systeme der großen Konzerne bietet, ohne dafür den Datenschutz zu opfern: freie und (bis zu einem gewissen Grad) anonyme Paymentlösungen, verteiltes, robustes Hosting von Diensten, einfacher und komfortabler Zugang zu diesen Diensten auch für Unternehmen und Dienstleister durch Integration in sichere Betriebssysteme, Apps und Messenger, und das alles idealerweise, bevor die großen Konzerne den Markt komplett abgedeckt haben.

Ich weiß, dass das alles sehr stark vereinfacht und ein frommer Wunsch ist, aber die Alternative sieht man gerade in China entstehen, und dort wird sie langfristig sicher nicht bleiben.

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11. Jul 2018

Beate Zschäpe ist im NSU-Prozess zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Zudem hat Richter Götzl eine besondere Schwere der Schuld festgestellt, aber keine Sicherungsverwahrung angeordnet. Das bedeutet, dass Zschäpe mindestens 17 Jahre einsitzen muß, dabei wird allerdings ihre Zeit in Untersuchungshaft (fast 7 Jahre) angerechnet. Nach 15 Jahren legt die Strafvollstreckungskammer in Abwägung mit dem öffentlichen Sicherheitsinteresse die Restzeit (in diesem Fall also mindestens zwei weitere Jahre) fest, die unbestimmt sein kann und dann regelmäßig überpüft wird. Die Restzeit kann sich so durchaus auch auf Jahrzehnte belaufen. Nimmt man die RAF zum Vergleich und geht davon aus, dass bei Zschäpe ähnlich entschieden wird, könnte sie also rund 25 Jahre zu verbüßen haben.

Damit geht der NSU-Prozess vorerst zuende, offen bleiben aber leider viele Fragen nach den Hintergründen, wie auch den Verwicklungen der verschiedenen Sicherheitsbehörden in den Fall. Ich denke, dass wir sicher noch das eine oder andere darüber hören werden, aber eine vollständige Aufklärung wird am Widerstand der Behörden scheitern, weil jeder versucht, mit allen Mitteln seinen Arsch zu retten.

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08. Jul 2018

Heise hat mehr Informationen zum in China geplanten Social Credit System (siehe auch hier).

Erschreckend ist, wie weit das System bereits gereift ist, und vorallem, dass der Großteil der Informationen, mit denen das System gefüttert wird, von privaten Konzernen wie Alibaba und Tencent geliefert werden, und das offenbar freiwillig. Dabei wird der Datenschutz, der in China eh schon kaum vorhanden ist, noch weiter durch Big Data unterlaufen. Wieder ein gutes Beispiel dafür, wie sich Konzerne zum willfährigen Helfer für alles machen, wenn sich damit Geld verdienen lässt. Wer also glaubt, dass seine Daten in den Händen von Konzernen sicher vor staatlichem Zugriff sind, sollte noch einmal gut darüber nachdenken.

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05. Jul 2018

Gute Neuigkeiten: das EU-Parlament hat die Vorlage zum neuen Urheberrecht vorerst zurückgewiesen. Damit sind für den Moment Uploadfilter und Leistungsschutzrecht abgeschmettert, allerdings können über die Sommerpause neue Änderungsanträge ausgearbeitet werden. Je nachdem, wie geschickt es die Konzerne ... ähh ... Lobbyisten ... ähm, ich meine: Parlamentarier anstellen, kann darüber natürlich trotzdem noch so manche Schweinerei in das neue Urheberecht einfließen.

Und passend dazu gleich ein Beispiel, warum automatische Uploadfilter problematisch sind: Facebook beanstandet die amerikanische Unabhängikeitserklärung als Hate Speech. Kannste dir nich ausdenken.

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04. Jul 2018

Ein Artikel von Jürgen Klute (u.a. Mitglied des Europäischen Parlaments von 2009 - 2014), den "der Freitag" auf seiner Website hat, stellt die These auf, dass weniger die Zuwanderung von Flüchtlingen als vielmehr die Abwanderung junger, gut ausgebildeter Menschen aus einer Region (der so genannte Brain Drain) den Populismus und rechte Parteien in dieser Region fördert.

Er argumentiert, dass wegen der Abwanderung in der Folge erst die private und dann auch die staatliche Infrastruktur (Geschäfte, Nahverkehr, Ärzte, Ämter, Polizei etc.) zurückgebaut wird, womit natürlich auch Arbeitsplätze, die dort ohnehin schon dünn gesät sind, wegfallen. Die wenigen Dagebliebenen werden dann auch kaum noch von der Politik wahrgenommen, was zu einem Gefühl des Allein-Gelassen-Werdens und zu verstärkter Angst vor Konkurrenz durch zugewanderte Flüchtlinge um diese wenigen Arbeitsplätze, sozialen Leistungen usw. führt. Die populistischen Parteien, speziell die am rechten Rand, instrumentalisieren das und können profitieren, weil sie als Opposition keine konkreten Lösungen umsetzen müssen.

Ich konnte das sehr gut schon vor der Flüchtlingskrise z.B. in Ostvorpommern beobachten, wo bei den Kommunalwahlen 2009 die NPD in einigen Wahlkreisen auf 17 Prozent kam. Der Großteil der Bevölkerung dort war (und ist bis heute) entweder über 60 oder unter 20, Jobs sind in der landwirtschaftlich geprägten Region Mangelware und die einzigen Politiker, die dort regelmäßig in den Dörfern auftauchten, von der NPD. Es brauchte keine Konkurrenz durch Ausländer (die dort ohnehin quasi nicht vorhanden waren), um die Bevölkerung um ihre ohnehin schon extrem bescheidene Existenz fürchten zu lassen. So fielen die Lügen und leeren Verprechungen der Populisten dort natürlich auf fruchtbaren Boden. Und das ist heute mit der Flüchtlingskrise und der AfD, die einfache, schnelle Lösungen verspricht, nicht anders.

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03. Jul 2018

Ich habe des Öfteren durchblicken lassen, dass für mich die SPD spätestens seit der Agenda 2010 mit den HartzIV-Gesetzen endgültig den Kontakt zur Realität und ihrer ursprünglichen Zielgruppe verloren hat. In letzter Zeit wird mir aber der JuSo-Chef Kevin Kühnert zunehmend sympathisch, da er sich immer wieder gegen die als Pragmatismus und Kompromissfähigkeit verbrämten neoliberalen und anti-sozialen Strömungen in der Partei stellt, die zu teils katastrophalen Fehlentscheidungen der Partei führen. Aktuelles Beispiel dafür: er erinnert die Partei daran, dass die im aktuellen Asylkompromiss der Union vorgesehenen geschlossenen Einrichtungen für Asylbewerber schon einmal von der Partei abgelehnt wurden, und dass er erwartet, dass die Führung da jetzt nicht einknickt, nur um die GroKo zu retten.

Natürlich kann er ganz anders argumentieren als die Regierungsmitglieder seiner Partei, er muss schließlich nicht direkt mit der Union zusammenarbeiten. Forderungen stellen und sie auch durchsetzen (können) sind zwei verschiedene Dinge. Sollte er aber seine Überzeugungen auch bei seiner weiteren Karriere in der Partei behalten, wächst hier eine charismatische Führungspersönlichkeit heran, die die Partei aus ihrem konstanten Abstieg der letzten Jahre herausholen und zurück zu alter Größe führen könnte.

Zudem hat er auch in der Sache recht: allein der Gedanke, dass wir Leute unter Umständen über Wochen oder Monate in geschlossenen Einrichtungen einpferchen, bis über ihren Antrag entschieden wurde, sorgt bei mir für Übelkeit. Solche Transiteinrichtungen (ein Euphemismus, der, obwohl schon stark verharmlosend, von der Union und SPD mittlerweile auch wieder gemieden wird) führen über kurz oder lange immer zu menschenunwürdigen Zuständen. Besonders wenn diese Einrichtungen dort errichtet werden, wo generell auf Menschenrechte gepfiffen wird. Und man sollte meinen, gerade wir Deutschen hätten schon genug Erfahrungen mit Lagern und anderen geschlossenen Einrichtungen für unerwünschte Personen gemacht, um zu wissen, dass das eine ganz miese Idee ist.

Anmerkung am Rande: der Film Volt von Tarek Elhail spielt vor dem Hintergrund eines fiktiven Transitlagers. Und man darf getrost annehmen, dass die Realität den Film sehr schnell überholen wird.

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