Ätherrauschen

Kommentare zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

16. Mai 2018

Zwei Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft haben sich mit dem türkischen Präsidenten fotografieren lassen, und die Aufregung ist groß. Wie konnten sie nur! Die Kritik aus Politik und Medien ist sich einig: dafür müssen sie an den Pranger gestellt werden!

Was für eine scheinheilige Debatte.

Keine Frage, Präsident Erdoğan ist ein lupenreiner Diktator, der das Osmanische Reich in alter Größe wieder auferstehen lassen möchte und Teile der eigenen Bevölkerung (die Kurden, unliebsame Journalisten und Autoren usw. usw.) am liebsten ausrotten würde. Aber er wurde vom türkischen Volk gewählt, ob uns das passt oder nicht. Die Türkei ist Mitglied der NATO, Deutschland unterhält umfassende wirtschaftliche Beziehungen zur Türkei und liefert weiterhin Waffen, die postwendend gegen die Kurden in der Türkei und in Syrien eingesetzt werden. Statt endlich mal konkrete Konsequenzen zu ziehen, wird nur Symbolpolitik betrieben, während hinten herum munter Geschäfte gemacht werden.

Was genau wird also den Spielern, die neben dem deutschen Pass (soweit ich informiert bin) immernoch den türkischen Pass haben und, abgesehen von der Nationalmannschaft, nicht einmal in Deutschland spielen, vorgeworfen? Dass sie im Grunde genommen das Gleiche tun, wie die deutsche Politik? Dass sie ihre türkische Herkunft nicht komplett verleugnen und sich nicht deutscher als jeder Deutsche verhalten? Dass sie genauso wie viele türkischstämmige Mitbürger, die hierzulande oft immernoch als Fremde gesehen und behandelt werden, selbst wenn sie hier geboren wurden, einen Diktator verehren, der verspricht, ihnen wieder den Respekt zu verschaffen, der ihnen hier nicht entgegengebracht wird?

Natürlich war dieser Auftritt dumm, ärgerlich und mit gesundem Menschenverstand nicht nachvollziehbar. Aber deswegen gleich einen derartigen Shitstorm zu erzeugen, halte ich doch für etwas übertrieben. Hätte es sich nicht um zwei Fußball-Millionäre sondern um zwei Mitglieder der Nationalmannschaft im Synchronschwimmen oder Faustball gehandelt, hätte kein Hahn danach gekräht. Andersherum wäre jeder Spieler mit deutschen Wurzeln, der für eine ausländische Nationalmannschaft spielt, für einen solchen Termin mit der Kanzlerin hochgejubelt worden.

Wie wäre es denn mal damit, deutlichere Konsequenzen von der deutschen Politik zu fordern, statt zwei unbedeutende Schwachmaten nieder zu machen?

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