Ätherrauschen

Kommentare zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest.

12. Jul 2018

Ich habe mir noch ein paar Gedanken zu dem hier und hier angesprochenen Social-Credit-System in China gemacht.

Wie bereits erwähnt, kommt ein Großteil der dabei genutzten Daten von Konzernen wie Tencent und Alibaba. Beide bieten digitale Ökosysteme an, bei denen die Nutzer von der Kommunikation, über Online- und Offline-Handel (beide betreiben eigene Läden und Supermärkte) bis zur Bestellung und Bezahlung von Waren und Dienstleistungen anderer Anbieter über die konzerneigenen Zahlungsdienste, ihre Daten komplett und größtenteils freiwillig den Konzernen zur Verfügung stellen. Die Erfolgsfaktoren sind hier unter Anderem die einfache Verfügbarkeit und Bezahlung von Dienstleistungen direkt über die Messenger (Beispiel: WeChat von Tencent) als mobile Zahlmethode, sowie die Aussicht auf erweiterten Zugang zu exklusiven Diensten, wenn man beispielsweise bei der Bonitätsprüfung mehr Daten von sich preis gibt.

Die gesammelten Daten werden dann von der Regierung mit Daten von Kameras, biometrischen Systemen, Gesichtserkennung etc. zusammen gebracht und erlauben dadurch quasi eine Totalüberwachung.

Wer nun glaubt, dass das nur bei den chinesischen Konzernen so ist, soll sich mal Apple, Google oder Facebook anschauen: alle bieten ähnliche Ökosysteme an, bei denen von der Hardware, über die Kommunikationsmittel, Services wie Suche oder digitale Assistenten, Zahlungsdienste etc. alles aus einer Hand kommt. Die Chinesen haben hier lediglich die noch stärkere Integration auf Kosten des Datenschutzes voraus. Würden die Konzerne freiwillig oder gezwungenermaßen alle ihre Daten zusammenführen und einer Regierung zur Verfügung stellen, wäre eine ähnliche Totalüberwachung problemlos möglich. Und Tendenzen in diese Richtung gibt es mittlerweile im Namen der Sicherheit auch in allen vermeintlich demokratischen Staaten.

Dazu kommt, dass die Nutzer gern Datenschutz gegen Bequemlichkeit tauschen: manchmal aus Unwissen, oft aber auch in vollem Bewußtsein. Das lässt sich meiner Meinung nach auch nicht mit Aufklärung verhindern, weil es die meisten Menschen schlicht nicht interessiert. Sie wollen es einfach nur so bequem wie möglich haben, was ich nachvollziehen kann.

Wie lässt sich also ein Szenario wie in China verhindern?

Einerseits durch politische Arbeit gegen undemokratische Gesetze wie die kürzlich im EU-Parlament abgelehnte Urheberrechtsreform oder die Vorratsdatenspeicherung.

Andererseits muss man Alternativen schaffen, die mit dem Angebot der großen Konzerne konkurrieren können, dabei aber auf Offenheit und Transparenz setzen und die Daten ihrer Nutzer schützen.

Dies kann geschehen, indem Dienste dezentral konzipiert, Interoperabilität, Verschlüsselung und Datensparsamkeit gefördert und dabei die maximale Benutzerfreundlichkeit und Bequemlichkeit als oberste Ziele verfolgt werden. In der Open-Source-Community gibt es weit mehr fähige Entwickler als in den großen Konzernen, jedoch fehlt oft der Wille, sich auch auf andere Sichtweisen einzulassen, Kompromisse zu schließen und persönliche Befindlichkeiten dem Gesamtziel unterzuordnen. Zudem grassiert in vielen Projekten die Featuritis: lieber mehr Features einbauen, als die vorhandenen zu perfektionieren und konsequent auf die Bedürfnisse des durchschnittlichen Nutzers auszurichten.

Es gibt viele Initiativen, Projekte und Communities, die durchaus gute Ansätze zeigen, aber leider mehr für sich arbeiten. Es gibt sichere Messenger wie Signal, Wire oder Threema, die aber leider nicht interoperabel sind. Es gibt Kryptowährungen, die anonyme Zahlungen erlauben. Es gibt genügend kleine Unternehmen, deren Dienstleistungen man beispielsweise über WhatsApp (aber leider nicht über Signal oder Wire oder Threema) anfragen und oft auch buchen kann, Online-Shops, die nicht zu Amazon gehören, Kartendienste, die nicht die Bewegungsdaten ihrer Nutzer sammeln, Office- und Cloud-Lösungen, die man auf einem eigenen Server betreiben kann, um die Herrschaft über seine Daten zu behalten.

Nur fehlt eben das große Ganze, das alles zusammenbringt und dabei den Komfort und die Flexibilität der Systeme der großen Konzerne bietet, ohne dafür den Datenschutz zu opfern: freie und (bis zu einem gewissen Grad) anonyme Paymentlösungen, verteiltes, robustes Hosting von Diensten, einfacher und komfortabler Zugang zu diesen Diensten auch für Unternehmen und Dienstleister durch Integration in sichere Betriebssysteme, Apps und Messenger, und das alles idealerweise, bevor die großen Konzerne den Markt komplett abgedeckt haben.

Ich weiß, dass das alles sehr stark vereinfacht und ein frommer Wunsch ist, aber die Alternative sieht man gerade in China entstehen, und dort wird sie langfristig sicher nicht bleiben.

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